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Das Bild oder das Wort?


Versuch einer interdiskursiven Rekonstruktion in Werken C. Heins u. C. Wolfs

„Vor den Bildern sterben die Wörter“

(Christa Wolf)

Wenn wir das Programm des Literaturseminars unserer Deutsch-Abteilung an der Universität Algier vor Auge halten, dann fragen wir uns über die Natur und Motivationen der für das jeweilige Seminar ausgewählten Autoren und Werke. Am ersten Blick würde man sich über dessen, was die zwei Autoren (eventuell P. Handke) Christa Wolf und Christoph Hein miteinander verbinden könnte, fragen.

Abgesehen von der „Zugehörigkeit“ beider Autoren zu einer gemeinsamen DDR-Tradition zweier Generationen, kommen weitere interdiskursive und thematisch-strukturelle Aspekte zum Ausdruck, die in dem vorliegen Aufsatz Erläuterung finden und die Konvergenzen beider Autordiskurse erhellen sollten.

Die Erzählung „Kassandra“ C. Wolfs und die Novelle „Der fremde Freund/ Drachenblut“ C. Heins weisen diesbezüglich eine gemeinsame semiotische, bzw. eine poststrukturalistische Problematik auf, die den Vorrang und die Ursprünglichkeit einer Bilder-Sprache in den Vordergrund setzt. Der erste Satz der Novelle Drachenblut, genauer im Prolog: „Am anfang war eine Landschaft“, signalisiert bereits ein intertextuelles Geflecht mit dem Alten Testament, dessen „karnevalistische“ Parodie den Kanon einer Sprache des Logos, die eben weitgehende Thematisierung im Wolfschen Werk findet, in Frage stellt oder gar diskreditiert. In dieser Hinsicht nimmt das dichotomische Paradigma Wort – Bild eine zentrale Stelle in die Poetik beider Autoren ein, dessen Quintessenz die Organisation archaischer Gesellschaftsstrukturen relativiert.

Das Schweigen, das für beide DDR-Autoren eine zentrale poetologische Reflexion anbietet, registriert man ebenfalls als poetologisches Leitmotiv in beiden Kunstauffassungen. Das Unsagbare sagbar machen kommt nämlich als Motto für beide vor, und fungiert als die „Diagnostik“ eines Mankos, einer verlorenen Sprachsubstanz. Dieses Motiv, das die Sprache des Körpers mit einbezieht, beruht auf einem Paradox; es kann vor allem suggerieren, dass es (das Schweigen) mit ‚Aphasie‘ assoziiert wird, und dass es gar nicht in ein „Aussagen“ münden würde. Diese (Hypo-)These wird auf Grund der rekurrenten Insistenz Wolfs und Heins über eine mögliche Transzendierung des Unsagbaren wahrscheinlich annulliert.

Aus weltanschaulicher und ideologischer Sicht kommen dem Schweigen weitere Funktionen zu. Als Signum einer durchaus verübten Männergewalt, das zuerst ein Verdienst feministischer Literaturtheorie ist, verweist dieses Motiv auf eine vehemente, von beiden DDR-Autoren ja ausgeübte Kritik am Patriarchat, die ihrerseits die Dekonstruktion tradierter Gesellschaftsstrukturen bzw. Sozialisationsprozesse ermöglicht. Durch ein Substitutionsspiel, lernten Claudia und Kassandra zu schweigen und ihren Körper als Aussagemedium oder

-instanz zu „stilisieren“.

Besonderen Stellenwert erhält eben der Mythos in beiden Diskursen, der eine Polysemie aufweist. Abgesehen von der sogenannten „Remythisierung“, der eine zentrale poetologische Funktion zukommt, wird Mythos in den Werken Wolfs und Heins auch als zweites Zeichensystem im Sinne von R. Barthes angesehen. Das Zeichen wird allerdings auf Grund von ‚Arbeit‘ und ‚Spiel‘ des Lesers dynamisch und assoziativ konzipiert, und rückt die Autor-Leser-Kommunikation auf zweiter Ebene in den Mittelpunkt. Darüber hinaus, kommt ein wichtiger und gemeinsamer Aspekt für beide Schriftsteller zum Ausdruck und weist auf die sowohl bei Wolf als auch bei Hein bekannte Offenheit des Diskurses hin.

Eine weitere Kategorie ist nämlich die der Ausgegrenzten, die eine antiautoritäre Gesinnung als Impetus zu haben scheint. Sowohl die „Antihelden“ Heins als auch die Frauengestalten Wolfs konstituieren – im Sinne M. Bachtins – eine Art Netz karnevalistischer Strukturen und Gegenwelten: ein Netz von ‚Aktanten‘, würde A. J. Greimas sagen. Das Andere am Rande und seine Alterität konvergieren in dieser Hinsicht in dieselbe Richtung und rufen ein Spiel mit der Autorität hervor, da sie als Provokation abzulesen sind. Interessante Beispiele bieten die Erzählung Kassandra sowie der sehr diskutierte Roman Horns Ende C. Heins. Die Zigeuner am Rande der Stadt Guldenberg und den Wald als Gegenwelt des Palastes verbindet die Natursymbolik, die an die Aneignung romantischer Tradition zwecks einer DDR-Kontextualisierung erinnert, und die in der ehemaligen sozialistischen Ostrepublik bei vielen Autoren Beifall und Beliebigkeit gefunden hatte.

Es ist wohl zu behaupten, dass die jeweilige Gegenüberstellung konträrer Welten eine implizite oder metaphorische Referenz auf die autoritäre, in Deutschland gewissermaßen bis heute noch dominierende konservative Literaturtheorie evoziert, die in erster Linie von der dortigen Germanistik vertreten ist. Im Gegensatz zu einer „romanistischen“ Rezeption, die sich vor allem mit der Poetik C. Wolfs subtiler auseinandersetzte und die der prominenten, vor kurzem gestorbenen Schriftstellerin den ihr zurechtkommenden Status einer Literaturwissenschaftlerin endlich verlieh. Auf diese Weise vermag man ihren Texten eine poetische Autonomie jenseits ihrer weitgehend strapazierten feministischen Katalogisierung zuzuerkennen. Bei Hein ermöglicht dieses Spiel mit dem Paradoxalen eine gewisse Kontinuität in der Rezeption seiner Texte, die außer einer DDR-BRD-Kontextualität andere Lesemöglichkeiten zustande kommen lassen. Viele DDR-Autoren sind, wie es Lücke Bärbel ganz zu Recht bemerkt, in diesem Zusammenhang aus heutiger Sicht im Sinne der Postmoderne und des Poststrukturalismus zu lesen, dies aber ohne ihren ursprünglichen Kontext auszuklammern.

Schließlich möchte ich eigentlich darauf hinweisen, dass Hein nicht bloß als Epigone Wolfscher Ästhetik zu missverstehen ist, dessen Poetik oder Kunstauffassung mit derer Wolfs jedoch eng verbunden ist. Dies erinnert wohl daran, dass der Begriff ‚Poetik‘ nicht (nur) im Singular zu verstehen, sondern eher pluralistisch aufzufassen ist, dessen Strukturen und Überschneidungspunkte auf einen Interdiskurs und eine Intertextualität angewiesen sind.

Ali Aberkane

Maitre Assistant – A –

Universität Algier II / Deutschabteilung

Der Aufsatz einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig und strafbar.

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